Argentinien als geopolitisch belastbarer Partner — und als Schule der Anpassungsfähigkeit

Meine Damen und Herren,

Wenn im Titel eines Artikels (oder einer Rede) das Wort “geopolitisch” vorkommt, laesst das meist nichts Gutes ahnen und wird etwas schwammig, weil das Thema so komplex ist. Im Endeffekt geht es aber um etwas sehr Konkretes: Wie wir mit Risikenumgehen in einer Welt, die, um es diplomatisch auszudrücken, weniger berechenbargeworden ist.

Deutschland und Europa haben in den vergangenen Jahren viel gelernt, manchmalschmerzhaft gelernt: Der günstigste Lieferant ist nicht immer der sicherste. Der geografisch nächste Partner ist nicht automatisch der verlässlichste. Und eineLieferkette ist nur so stabil wie ihr schwächstes politisches oder logistisches Glied.

Energie ist nicht nur eine Ware, sondern Machtpolitik. Rohstoffe sind Teil globalerAbhängigkeiten. Agrarproduktion bedeutet nicht nur Ernährung, sondern auchaußenpolitischen Einfluss. Innovation nicht nur rein Wettbewerbsvorteil, sondern eineÜberlebensfrage für Unternehmen und Staaten.

Ueberall lauern geopolitische Risiken. Sie sind kaum messbar und verlangen nachDiversifizierung und Flexibilitaet.

Da lohnt sich ein neuer Blick auf Argentinien.

Auf ein Land, das gelernt hat, unter Bedingungen zu funktionieren, unter denen vieledeutsche Businesspläne vermutlich schon auf Seite drei zuende wären.

Argentinien ist für Deutschland und Europa nicht deshalb interessant, weil dort nun endlich alle Risiken verschwunden wären. Das sind sie natürlich nicht. Aber das Land hat sich in den letzten zwei Jahren mit atemraubender Geschwindigkeit und trotz vielerpolitischer Hemmnisse auf den Weg gemacht, ein schlankerer, deregulierter und unternehmensfreundlicher Staat zu werden.

Das Wirtschaftsmodell wird umgestellt von abgeschotteter, unproduktiverIndustrieproduktion im Grossraum Buenos Aires auf Förderung und Wachstum von Wirtschaftssektoren, die auf den Wettbewerbsvorteilen des Landes basieren:Agrobusiness, Energie, Rohstoffe und Digitalwirtschaft. Folgerichtig sind dies die Begriffe, über die Alle überall reden und schreiben.

Diese im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich starken neuen Wachstumsmotorensind meist im Landesinnern in verschiedenen Provinzen angesiedelt und führen zu einerVerschiebung des Wirtschaftswachstums und Reichtums in das Landesinnere. Das istschwierig aber mehr als sinnvoll: Es ist notwendig.

Ich will Sie jetzt nicht mit der positiven Entwicklung von Wirtschaftsindikatorenlangweilen und kein Loblied auf die mitunter etwas gewoehnungsbeduerftige Form des Regierens in Buenos Aires singen. Aber die Regierung hat unbestreitbar zweierleierreicht: Ihr Hauptargument, dass man nur soviel Geld ausgeben kann, wie man einnimmt, ist inzwischen politischer Mainstream und in fast allen Parteien Grundsatz.Das beginnt verlorengegangenes Vertrauen von Investoren zurückzugewinnen, und nährt die Hoffnung, dass der nächste Präsident nicht wieder in alte Gewohnheitenzurückfällt.

Und es führt zweitens dazu, dass Risikomanagement wieder möglich und damitunternehmerisches Handeln sinnvoll wird.

Das wars von mir zur politischen und wirtschaftlichen Lage, was man überall, vorAllem bei Carl Moses im Detail nachlesen kann.

Argentinien ist interessant, weil es in einer geopolitisch unsicheren Welt eine selteneKombination bietet: Ernährung, Energie, kritische Rohstoffe, digitale Dienstleistungen— und eine Kultur bemerkenswerter Anpassungsfähigkeit.

Diese Kombination macht das Land strategisch relevanter, als es in Deutschland oft wahrgenommen wird.

Beginnen wir mit den klassischen Themen: Agrarwirtschaft, Energie und Rohstoffe.

Argentinien ist eines der wenigen Länder, die in allen drei Feldern zugleich eine Rolle spielen können. In der Agrarwirtschaft ist das bekannt. Das Land gehört seit Langem zuden großen (und effizienten) Produzenten und Exporteuren landwirtschaftlicherProdukte. Für Europa ist das mehr als eine Handelsfrage. Ernährungssicherheit istinzwischen wieder ein geopolitisches Thema. Stabile Lebensmittelversorgung undnachhaltige Agrartechnologie sind Resilienzthemen.

Das zweite Feld ist Energie. Die lange Zeit chronischer Energieengpässe und teurerEnergieimporte sind Geschichte. YPF und andere Firmen wollen aus Vaca Muerta bis 2050 insgesamt Energieexporte von 300 Millarden Dollar generieren und Argentinienso zu einem der bedeutendsten Energieexporteure der westlichen Hemisphaere machen. Für dieses Ziel sind gewaltige Investitionsprogramme aufgelegt und damitGeschäftsmöglichkeiten geschaffen worden. Deutschland kann dabei viel einbringen.

Es geht um Engineering, Anlagenbau, Sicherheitskultur und langfristigeProjektfähigkeit. Gerade in der Energiepolitik ist das entscheidend. Denn Energiepartnerschaften sind nicht einfach Kaufverträge. Sie sind Vertrauensverhältnisseüber Jahrzehnte.

Das bedeutet nicht, dass Argentinien morgen Europas Energieprobleme löst, aber für Diversifizierung ist Argentinien hoch relevant. Und Diversifizierung ist nach den bitteren Erfahrungen der letzten Jahre wichtiger denn je. Wir suchen nicht den einenneuen Partner, der alle alten Abhängigkeiten ersetzt. Wir brauchen ein Netzwerkbelastbarer Beziehungen.

Das ist nicht nur Zukunftsplanung, es ist schon heute Realität: Im März 2026 hat SEFE, eine Deutsche Energiegesellschaft, einen Liefervertrag mit der argentinischen Southern Energy (Konsortium mit YPF) unterzeichnet: Ab Ende 2027 sollen pro Jahr 2,7 bis 3 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Deutschland kommen. Das sind 3-4% des heutigenDeutschen Gasverbrauchs.

Das dritte klassische Thema sind Rohstoffe, insbesondere Lithium und Kupfer. OhneLithium keine Batterien. Ohne Kupfer keine Elektrifizierung.

Argentinien ist dabei ein natürlicher Partner.

Moderne Rohstoffpolitik endet nicht bei Abbau und Export. Sie beinhaltetVerarbeitung, Umwelttechnik, Forschung und lokale Wertschöpfung. Wenn Deutschland und Europa hier nur einkaufen, schaffen sie neue Abhängigkeiten. Wenn sie aber gemeinsam investieren, ausbilden und Technologie einbringen, entsteht ausHandel eine echte Partnerschaft. Das ist aus mehreren Gründen von Vorteil: Es istwirtschaftlich interessant; ich erkenne Risiken besser und kann sie beeinflussen; und ich mache mein Geschäft flexibler und resilienter.

Mit anderen Worten: Argentinien ist nicht nur ein Lieferland. Es ist einKooperationsland. Das nun vorlaeufig in Kraft getretene Abkommen EU – Mercosur istdafuer ein wichtiger Meilenstein

Und damit komme ich zu einem Thema, das in meinen Augen oft unterschätzt wird und Partnerschaften mit argentinischen Firmen so attraktiv macht: Innovation und Flexibilität.

In Deutschland verbinden wir Innovation gern mit langfristiger Planung, guterInfrastruktur, Forschungsetats, Förderprogrammen und Patenten. Das ist nicht falsch. Aber es geht auch anders.

Argentinien zeigt, dass unter schwierigen Bedingungen auch besondere Fähigkeitenentstehen können: schnelle Anpassung, finanzielle Disziplin, Improvisation mitprofessionellem Anspruch, frühe Internationalisierung, pragmatische Netzwerke und die Fähigkeit, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen.

Man könnte sagen: In Deutschland planen wir gerne, bis das Risiko verschwindet. In Argentinien weiß man, dass das Risiko nicht verschwindet — und handelt trotzdem.

Das ist nicht romantisch. Krise ist nicht kreativ an sich. Inflation ist keinInnovationsprogramm. Devisenkontrollen sind keine Managementschule, die man freiwillig besuchen würde. Instabilität kostet Zeit, Geld, Nerven und Vertrauen.

Aber wenn Unsicherheit dauerhaft wird, entwickeln Menschen und UnternehmenFähigkeiten, die in einer zunehmend instabilen Welt voller ungeahnter Risiken immer wertvoller werden. Sie lernen, schwache Signale früh zu erkennen und schnell auf Inflationsschocks zu reagieren. Sie lernen, Liquidität zu schützen und Kunden, Märkteund Währungen zu diversifizieren. Sie lernen, Pläne nicht als Dogma zu betrachten, sondern als vorläufige Arbeitshypothese.

Argentinische Unternehmen und Fachkräfte sind daran gewöhnt, mit mehrerenWechselkursen, verschiedenen Zeitzonen und wechselnden Regulierungen zu arbeiten. Das schafft eine Arbeitskultur, die flexibel, mehrsprachig, kommerziell wach, super-schnell und international orientiert ist. Für deutsche Unternehmen, die nachTechnologiepartnern, Softwarekompetenz, friendshoring-Optionen oder digitalenServices suchen, ist das nicht nebensächlich. Es ist ein Standortvorteil.

Für deutsche Ohren klingt das etwas beunruhigend. Für globale Märkte klingt es zunehmend nach Zukunftskompetenz.

Das wertvollste Unternehmen Lateinamerikas ist MercadoLibre, ein argentinischesDigitales Öko-System, das höher bewertet wird als die traditionellen Rohstoff- und Industriekonzerne der Region. MercadoLibre ist kein Einzelfall. Allein in Argentiniengibt es 12 digitale Einhörner. Das zeigt, dass die Zukunft Lateinamerikas nicht nur auf Rohstoffen und Agrarwirtschaft beruht, sondern zunehmend auf Innovation, Digitalisierung und wissensbasierten Geschäftsmodellen.

Das ist strategisch für Deutschland relevant. Denn in einer Welt immer kürzerwerdender Geschäftszyklen, irruptiver Innovationen, verteilter Teams, knapperFachkräfte und digitaler Wertschöpfung ist geografische Distanz nicht mehrautomatisch ein Nachteil, sondern öffnet die Türen für Innovation und Kreativität.

Buenos Aires kann für deutsche Unternehmen näher sein als manche deutsche Behörde— zumindest digital betrachtet.

Damit sind wir bei einem Punkt, der über Argentinien hinausgeht. Deutschland brauchtin den kommenden Jahren nicht nur mehr Rohstoffe, mehr Energiequellen und stabilereLieferketten. Deutschland braucht auch mehr Geschwindigkeit und Flexibilität.

Das heißt nicht, dass Deutschland argentinisch werden sollte. Wir sollten von der Anpassungsfähigkeit lernen, ohne die Stabilität preiszugeben. Vielleicht ist genau das die Formel der Zukunft: deutsche Systemkompetenz plus argentinische Beweglichkeit.

Oder anders gesagt: Wir brauchen die Fähigkeit, einen Plan zu haben — und zugleichnicht beleidigt zu sein, wenn die Wirklichkeit ihn nicht respektiert.

Für die geopolitische Zusammenarbeit mit Argentinien bedeutet das konkret:

Wir sollten Argentinien strategisch ernst nehmen. Nicht als risikofreien Markt, sondernals Land mit wachsender Bedeutung für Ernährung, Energie, Rohstoffe, Technologie und regionale Verankerung in Südamerika. Wer heute über Diversifizierung spricht und Argentinien nicht auf der Liste hat, macht einen Fehler.

Natürlich gibt es Risiken. Argentinien bleibt makroökonomisch anspruchsvoll. Inflation, Wechselkurse, Regulierungen, politische Zyklen und Finanzierung bleibenThemen. Aber wer nur auf Risiken schaut, übersieht die strategische Bewegung. In einer Welt der Ungewissheiten, in der alle Märkte Risiken haben, ist die entscheidendeFrage nicht, wo es keine Risiken gibt. Die Frage ist, welche Risiken man versteht, steuern und durch Partnerschaft produktiv bearbeiten kann. Und das kann man lernen, z.Bsp in Kooperationen mit argentinischen Firmen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Ist Argentinien jetzt risikofrei?

Sie lautet: Wie kann ich meine Strategie und mein Risikomanagement anpassen, um das Potential zu heben, das Argentinien bietet. Schaffe ich das nicht, tun Andere es: US Amerikaner und Chinesen investieren heftig.

Text der Rede von Matthias Kleinhempel beim Argentinientag des Lateinamerika Vereins am 1. Juli 2026

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